Und tatsächlich geschieht oft genau das.
Erfahrungen, die lange nur still mitgetragen wurden, bekommen Worte. Erinnerungen ordnen sich neu. Was diffus und schwer im Inneren lag, wird im Erzählen greifbarer und damit oft auch ein Stück beweglicher.
Biografisches Erzählen bedeutet nicht, in der Vergangenheit stecken zu bleiben. Es bedeutet vielmehr, dem eigenen Leben einen Zusammenhang zu geben. Zu erkennen, was uns geprägt hat, welche Kräfte uns getragen haben und welche Muster vielleicht bis heute wirken.
Erzählen schafft Ordnung. Nicht im Sinne von „alles ist gut“, sondern im Sinne eines tieferen Verstehens. Oft liegen unter den Erinnerungen Gefühle, die lange keinen Raum hatten – Trauer, Angst, Einsamkeit, Scham, aber auch Sehnsucht, Liebe oder Stolz. In dem Moment, in dem diese Erfahrungen ausgesprochen und von einem anderen Menschen bezeugt werden, dürfen sie sich neu sortieren. Sie werden Teil eines größeren Zusammenhangs. Teil der eigenen Geschichte.
Denn nicht alles im Leben erscheint auf den ersten Blick sinnvoll oder gut. Manche Erfahrungen erschließen sich erst viel später in ihrer Bedeutung.
Dabei geht es nicht nur um die schmerzhaften Kapitel.
Dieselbe Klientin erkannte im Verlauf unseres Gesprächs noch etwas anderes:
„Auch die besonders schönen Momente zu erzählen, hat mein Leben reicher werden lassen.“
Wie oft vergessen wir im Alltag die Erfahrungen, die uns genährt haben? Die Begegnungen, auf die wir stolz sind. Die Augenblicke von Nähe, Mut, Freude oder Lebendigkeit.
Die amerikanische Autorin und spirituelle Lehrerin Byron Katie formulierte es einmal so:
„Everything happens for you, not to you.“
Nicht jedes Ereignis lässt sich sofort verstehen oder einordnen. Und manches Leid bleibt schmerzhaft. Doch im Rückblick erkennen Menschen manchmal, dass gerade schwierige Erfahrungen sie verändert, gestärkt oder in eine neue Richtung geführt haben.
Dazu passt eine alte Zen-Geschichte:
Ein Bauer lebte mit seinem Sohn in einem kleinen Dorf. Eines Tages lief ihr einziges Pferd davon. Die Nachbarn kamen vorbei und sagten:
„Was für ein Unglück!“
Der alte Mann antwortete nur:
„Vielleicht.“
Ein paar Tage später kehrte das Pferd zurück – und brachte mehrere wilde Pferde mit. Die Nachbarn sagten begeistert:
„Was für ein Glück!“
Der alte Mann antwortete wieder:
„Vielleicht.“
Als der Sohn versuchte, eines der wilden Pferde zu zähmen, stürzte er und brach sich das Bein. Wieder kamen die Nachbarn:
„Wie schrecklich!“
Der alte Mann sagte:
„Vielleicht.“
Kurz darauf zog das Land in den Krieg. Alle jungen Männer des Dorfes wurden eingezogen – außer dem Sohn des Bauern, weil sein Bein noch nicht verheilt war.
Die Geschichte erinnert daran, dass wir oft erst viel später erkennen können, welche Bedeutung ein Ereignis wirklich für unser Leben hatte.
Besonders berührt mich in meiner Arbeit, wenn Menschen durch das Erzählen beginnen, ihren Blick auf sich selbst zu verändern.
Wenn aus einem inneren:
„Ach, was bin ich schon?“
„Was kann ich schon?“
„Was habe ich bisher schon geschafft?“
langsam etwas anderes wird:
„Ja, das ist mein Leben.
Und darin steckt viel.
Ich habe all das gemeistert.
Ich bin nicht nur Opfer meiner Geschichte.
Ich bin eine Überlebende. Ein Überlebender.“
Manchmal entsteht genau darin Würde. Und Mitgefühl für sich selbst.
Fragen zur Selbstreflexion
- Welche Ereignisse haben dein Leben am meisten geprägt?
- Welche Geschichte darf in deiner Lebensgeschichte auf keinen Fall fehlen?
- Welche schweren Erfahrungen haben im Rückblick vielleicht auch etwas Neues hervorgebracht?
- Wo hat sich ein vermeintlich schweres Schicksal im weiteren Verlauf doch dir zugewendet?
- Welche schönen Momente haben dich genährt, getragen oder innerlich reicher gemacht?
- Welche Kraft oder Fähigkeit hast du gerade durch schwierige Zeiten entwickelt?
Unsere Lebensgeschichte besteht nie nur aus Krisen. Sie erzählt auch von Überlebenskraft, Sehnsucht, Entwicklung und von all den kleinen und großen Momenten, die uns zu dem Menschen gemacht haben, der wir heute sind.
Denn manchmal beginnt Heilung dort, wo wir anfangen, unserem eigenen Leben mit Aufmerksamkeit zu begegnen und unsere Geschichte anfangen zu erzählen.
Ich freue mich, wenn du deine Gedanken oder Erfahrungen dazu mit mir teilst – oder wir uns im Einzelcoaching begegnen. Wenn du magst, kannst du hier direkt einen Termin für ein kostenfreies Kennenlern-Coaching vereinbaren.
Bildquelle: KI-generiertes Bild (erstellt mit Unterstützung von ChatGPT / OpenAI)