Sei dir selbst eine gute Mutter
Wie du dir selbst eine gute Mutter sein kannst, auch wenn noch immer etwas in dir wartet.
Sei dir selbst eine gute Mutter
Der Muttertag ist für viele Menschen ein warmer Tag.
Blumen, Nachrichten, Dankbarkeit. Vielleicht ein gemeinsames Essen, vielleicht ein Anruf.
Und gleichzeitig ist dieser Tag nicht für alle leicht.
Denn nicht jede Mutterbeziehung fühlt sich nach Geborgenheit an.
Nicht jede Kindheit war von Liebe geprägt.
Nicht jede Mutter konnte geben, was ein Kind gebraucht hätte.
Manche von uns tragen bis heute Sätze wie folgende in sich:
Warum hat sie mich nicht so angenommen wie ich bin? Warum hat sie mich nicht beschützt? Warum hat sie nicht gesehen, was ich wirklich gebraucht habe?
Vielleicht fehlte uns Liebe, Schutz oder die Gewissheit, wirklich gesehen worden zu sein.
Und selbst wenn wir längst erwachsen sind, warten manche Teile in uns noch immer darauf, dass irgendwann doch noch die Mutter erscheint, die alles versteht, heilt oder endlich sagt:
„Du warst immer genug und es tut mir leid“.
Manche dieser fehlenden Stellen in unserem Leben holen uns plötzlich wieder ein.
Oft gerade dann, wenn wir dachten, wir wären längst darüber hinaus.
Vielleicht, weil wir uns nie ganz eingestanden haben, wie sehr wir selbst mit vierzig, fünfzig oder sechzig noch immer auf etwas warten:
auf Liebe, Anerkennung, Wärme, Offenheit, echtes Interesse.
Auf diese stille Form von Zuwendung, die uns vielleicht schon als Kind gefehlt hat.
Und manchmal erschreckt uns das.
Weil wir doch längst funktionieren.
Weil wir stark geworden sind.
Weil wir gelernt haben, weiterzugehen.
Doch viele erwachsene Menschen tragen noch immer dieses wartende Kind in sich, das nie ganz aufgehört hat zu hoffen.
Vielleicht liegt ein Teil des Erwachsenwerdens auch darin zu erkennen, dass manche offenen Hände leer bleiben.
Nicht, weil unser Schmerz unwichtig wäre.
Nicht, weil wir einfach vergeben sollten.
Und auch nicht, weil alles entschuldbar wäre.
Sondern weil auch Mütter selbst nur Menschen sind.
Geprägt von ihrer eigenen Geschichte, ihren eigenen Verletzungen, ihrer eigenen Sprachlosigkeit.
Das macht Verletzungen nicht kleiner.
Aber vielleicht hilft es uns irgendwann, nicht unser ganzes Leben an eine Hoffnung zu binden, die sich womöglich nie erfüllt.
Und dann entsteht eine andere, leise Frage:
Wie wäre es, sich selbst eine gute Mutter zu sein?
Vielleicht beginnt es damit, ehrlich wahrzunehmen, worauf wir bis heute noch warten.
Was uns fehlt.
Wonach wir uns sehnen.
Vielleicht nach Wärme.
Nach Aufmerksamkeit.
Nach Offenheit.
Nach einer Liebe, bei der wir nicht erst etwas leisten müssen, um sie zu verdienen.
Vielleicht gehört auch dazu zu erkennen, wie fremd uns manche Formen von Fürsorge noch immer sind.
Manche Mütter können heute nicht mehr geben, wonach wir uns sehnen.
Vielleicht, weil sie selbst zu verletzt waren.
Vielleicht, weil Krankheit oder Alter es unmöglich machen.
Vielleicht, weil sie nicht mehr leben.
Und trotzdem bleibt diese Sehnsucht oft in uns bestehen.
Sich selbst eine gute Mutter zu sein bedeutet vielleicht nicht, plötzlich alles allein zu können.
Sondern langsam herauszufinden, was wir wirklich brauchen — und uns zu erlauben, es ernst zu nehmen.
Sich zu hören.
Die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben.
Sich auszuruhen, ohne Schuldgefühle.
Sich Trost zu geben, statt sich innerlich ständig weiter anzutreiben oder kleinzumachen.
Vielleicht bedeutet es auch, andere Menschen um Hilfe zu bitten.
Oder zu erkennen, dass es längst Menschen in unserem Leben gibt, die uns Wärme, Aufmerksamkeit oder ehrliches Interesse schenken.
Nicht auf dieselbe Weise.
Nicht mit derselben Geschichte.
Aber vielleicht auf eine Weise, die dennoch etwas in uns heilen kann.
Vielleicht haben wir sogar längst begonnen, uns selbst auf neue Weise zu begegnen.
Jedes Mal, wenn wir freundlicher mit uns sprechen.
Wenn wir uns Ruhe erlauben.
Wenn wir unsere Bedürfnisse nicht länger gegen uns verwenden.
Vielleicht bedeutet Heilung nicht, dass wir bekommen, was uns damals gefehlt hat. Sondern dass wir lernen, uns selbst mehr und mehr von dem zu geben, wonach wir uns schon so lange sehnen.
Ein warmes Wort.
Eine Pause.
Ein geschützter Raum.
Ein freundlicherer Blick auf das eigene Leben.
Nicht nur am Muttertag.
Sondern an möglichst vielen Tagen dieses Lebens.
Denn vielleicht ist Erwachsensein irgendwann auch das:
aufzuhören, mit leeren Händen vor der Vergangenheit zu stehen —
und langsam zu lernen, sich selbst das zu schenken,
wonach man sich so lange gesehnt hat.
Und vielleicht ist genau das eine der zärtlichsten Aufgaben unseres Lebens:
uns selbst endlich die Wärme zu schenken, nach der wir uns so lange gesehnt haben.
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Herzliche Grüße
Vera Elkendorf
