Der Einmisch-Reflex – ein völlig menschlicher Mechanismus
Anfällig für dieses Verhalten sind viele Menschen, manchmal reicht schon das Lesen eines entsprechenden Ratgebers oder das Hören eines Podcasts aus, damit Menschen ohne jede Grundausbildung in Psychologie, Coaching & Co. beginnen, sich in das Leben anderer einzumischen.
Aber auch jene mit entsprechender Ausbildung sind nicht besser – auch sie sind häufig wie “infiziert” und entdecken plötzlich überall innere Kinder, Schattenanteile*, Glaubenssätze und Trauma-Bindungsmuster.
Doch seien wir ehrlich:
Wer sind wir eigentlich, um zu glauben zu wissen, was ein anderer Mensch gerade wirklich braucht?
Und woher wollen wir wissen, dass genau unser Hinweis
- der richtige ist,
- im richtigen Moment kommt
- und für die richtige Seele bestimmt ist?
Warum beschäftigen wir uns also so sehr mit den Problemen der anderen?
Ah, ja … weil es sich leichter anfühlt, als bei uns selbst hinzuschauen.
„Wenn du denkst, der andere braucht The Work, dann brauchst du The Work.“
(angelehnt an Byron Katie und ihrer Methode The Work (c) zur Selbstreflexion)
Auch ich bin davor nicht gefeit.
Auch in mir entsteht manchmal der Reflex zu sagen:
„Hey, probier doch mal das …“ oder „Hast du es schon mit X versucht?“
Aber noch einmal:
Woher weiß ich, dass es für ihn oder sie dran ist?
Vielleicht bin ich ja gerade dran.
Denn das Verhalten des anderen wirkt oft wie ein Spiegel, ein Trigger, der uns auf unseren blinden Fleck hinweisen möchte.
Und Schatten haben die unangenehme Angewohnheit, sich genau dort zu zeigen, wo wir sie nicht kontrollieren oder loswerden können.
„Was dich trifft, betrifft dich auch.“ (Robert Betz)
Oder wie die Bibel es ausdrückt:
„Du siehst den Splitter im Auge des anderen, aber nicht den Balken in deinem eigenen.“
Wenn wir erwarten, dass sich die Welt an uns anpasst – die Zen-Tassen-Geschichte
Ich beobachte immer wieder, dass Menschen lieber Wege suchen, wie sich andere verändern können, anstatt zu schauen, warum genau dieses Verhalten sie selbst so aufbringt.
Eine Zen-Geschichte zeigt diesen Mechanismus wunderbar:
Ein Schüler beschwerte sich beim Zen-Meister Suzuki über die dünnen Teetassen der Teezeremonie. „Sie gehen so leicht kaputt“, sagte er. „Beim Spülen muss man ständig aufpassen.“ Suzuki sah ihn lange an und sagte schließlich: „Ah … du weißt noch nicht, wie du mit ihnen umgehen sollst – und erwartest, dass die Tassen sich verändern.“
Besser lässt es sich kaum formulieren:
Nicht die Tassen müssen stabiler werden – wir selbst dürfen achtsamer “halten”.
Der Einmisch-Reflex als Schutzmechanismus
Auch unsere Mitmenschen dürfen wir achtsamer “halten“, denn der Einmisch-Reflex entsteht oft, weil wir möchten, dass das Außen sich beruhigt, damit wir innen nicht spüren müssen, was da in uns wirklich los ist.
Warum haben wir diesen Einmisch-Reflex überhaupt?
- Es scheint auf den ersten Blick kontrollierbar
- Es lenkt von eigener innerer Arbeit ab
- Wir müssen keine unangenehmen Gefühle spüren
- Es gibt uns ein Gefühl von Bedeutung und Kompetenz
- Wir verwechseln Liebe mit Verbesserungsvorschlägen
Oft mischen wir sich ein, weil wir uns hilflos fühlen – weil Unsicherheit schlicht unangenehm ist. Unser Nervensystem versucht dann, im Außen Ordnung herzustellen, damit wir im Inneren wieder Ruhe finden. Das ist nicht falsch, es ist zutiefst menschlich. Und mit Bewusstheit können wir diesen Reflex verstehen und hilfreich damit umgehen.
Psychologisch betrachtet könnte man sagen:
Der andere zeigt uns das Stück, das wir selbst noch nicht voll angenommen haben – unseren Schatten.
Was ich im Coaching erlebe
Viele Klient*innen kommen ins Coaching mit dem Wunsch, einen Trick zu lernen, wie sie es schaffen, den anderen zu ändern, ohne selbst etwas verändern zu müssen.
Sie sind anfangs überzeugt, dass ihr Leben besser wäre, wenn der andere nicht länger dies oder jenes sagen oder tun würde.
Tja.
Vielleicht wäre das tatsächlich so – vielleicht aber auch nicht.
Der Satz „Pass auf, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen“ erinnert uns daran:
Wir übersehen dabei oft unsere eigentliche Aufgabe – die an uns selbst.
Die Sehnsucht, den anderen verändern zu können – am besten noch wie durch ein Wunder – ist so menschlich und nachvollziehbar. Denn unser innerer Schmerz wirkt, als würde er durch den anderen ausgelöst. Doch der andere ist nur die Leinwand, auf die sich mein eigenes Thema projiziert.
Das Ergründen dieser Reflexe ermöglicht tiefes Wachstum, deshalb geht es im Coaching darum zu erkunden:
- Was macht das Verhalten des anderen mit mir?
- Auf welche unerfüllten Bedürfnisse weist es hin?
- Welche (alte) Geschichte erzähle ich mir deshalb wieder und wieder?
Wann unsere Perspektive willkommen und hilfreich ist
- wenn du gefragt wirst
- wenn du beruflich dafür gebucht bist
- wenn Gefahr droht
- wenn Beziehungsklarheit und Einverständnis bestehen
Und für alle, die denken, man müsse etwas sagen, sonst könnte der andere glauben, er sei einem egal, hier ein Satz, der Wunder wirken kann und Selbstmitgefühl ausdrückt:
„Ich sehe dich und deinen Schmerz – und ich traue dir deine Entwicklung zu.“
Wenn also der nächste Einmisch-Reflex kommt …
Wenn du wieder denkst:
„Warum macht er/sie nicht einfach …?“
Pause.
Innenkehr.
Frage dich:
- Welches Gefühl wird bei mir aktiviert?
- Welches Bedürfnis meldet sich?
- Welche (alte) Geschichte erzähle ich mir dazu?
- Gehört das wirklich zum anderen – oder zu mir?
- Bin ich gefragt – oder übergriffig?
Diese Fragen sind dein Werkzeug, um den Einmisch-Reflex zu unterbrechen und neu mit dir in Kontakt zu kommen.
Und wenn dir das (noch) nicht gelingt, dann hol dir jemanden an deine Seite, der fragen kann, statt antworten zu müssen.
Abschlussgedanke
Vielleicht wären die Welt – und unsere Beziehungen – friedlicher, liebevoller und entspannter, wenn wir uns ab und zu sagen würden:
„Ich sehe dich.
Ich vertraue dir.
Ich arbeite an mir.“
Wenn du deinen Schatten liebevoll kennenlernen möchtest, deine Trigger verstehen und Schritt für Schritt in deine Persönlichkeit integrieren möchtest, begleite ich dich gern im Coaching online oder vor Ort.
Du bist herzlich willkommen – buche dir hier direkt ein kostenfreies Kennenlern-Coaching.
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Herzliche Grüße
Vera Elkendorf
*Mit ‚Schatten‘ meine ich jene Anteile in uns, die wir nicht vollständig gesehen oder integriert haben, wie z. B. ungeliebten Glaubensmuster, alte Verletzungen, unbewusste Ängste.
Bildnachweise:
Titelbild: Pixabay by Terri Cnudde